Nach der ersten Vertreibung aus Litauen im Jahr 1445 siedelten sich Juden erstmals in Pińsk an Im Jahre 1506 bildeten 12-15 Familien die Gemeinde. Sie erhielten die Erlaubnis eine Synagoge zu bauen und einen Friedhof zu errichten.

1560 zählte die Gemeinde in Pińsk 275 Personen (7% der Gesamtbevölkerung), 1648 waren es bereits 1.000 (20%). Juden beschäftigten sich damals mit der Pacht, Steuereintreibung und Zöllen sowie dem Vertrieb von Holz, Getreide und Pottasche. Es gab auch zahlreiche Handwerker. Seit Anbeginn des 17. Jahrhunderts war die Gemeinde in Pińsk eine der drei größten Gemeinden im Großfürstentum Litauen. Gemäß der Beschlüsse des litauischen Rates mussten sich die Gemeinden einiger Städte und Ortschaften an die Gesetze von Pińsk halten.

Im Jahr 1648 wurde die Stadt von Chmielnicki eingenommen, 1654 wiederum von den Russen niedergebrannt. Viele Juden verloren damals ihr Leben, wenngleich es relativ schnell gelang, das wirtschaftliche und kulturelle Leben wieder aufzubauen.

Ende des 17. Jahrhunderts kam es zu einer Wirtschaftskrise. Um die Auswirkungen der Krise zu mildern, legten die polnischen Könige einige Steuern als ständige Schuld fest und bestätigten die bisherigen Freiheiten, u. a. das Handwerk ohne Zugehörigkeit zu einer Zunft sowie den freien Handel. Trotzdem erwies sich Mitte des 18. Jahrhunderts die Gemeinde in Pińsk so wie auch andere jüdische Gemeinden in Litauen als zahlungsunfähig. Im Jahre 1766 betrugen die Schulden, bei Einnahmen von 37 Tsd. złp, 309 Tsd. złp. Zusätzlich verweigerten viele Gemeinden nach Abschaffung des Rates der Gemeinde in Pińsk den Gehorsam. Den Rang der Gemeinde erhöhten wiederum bekannte Gelehrte und Rabbiner, u. a. Naftali Gincburg und Jehuda Lejb Perhowicer. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschärfte sich der Konflikt zwischen den Anhängern und Gegnern des Chassidismus. In der Vorstadt von Pińsk, in Karlin, entstand ein Zentrum der chassidischen Dynastie Karlin, die von Zaddik Aron ben Jakow dem Großen gegründet wurde.

Im Jahre 1847 lebten 5.050 Juden in Pińsk, 1871 wiederum 13.681 (77,7% der Bevölkerung), 1896 – 21.819 (77,3%), 1914 – 28.063 (72,5%). Seit Beginn der 20er Jahre hatte die Stadt eine immer größere wirtschaftliche Bedeutung, vor allem im Bereich landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Holzprodukte. Eine beachtliche Rolle spielten dabei Juden, vor allem die Familien Luria und Lewin. Auch das Handwerk wuchs, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann auch die Industrie. Im Jahre 1914 gehörten 49 von 54 Produktionsbetrieben in Pińsk Juden.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Pińsk zu einem wichtigen politischen Zentrum. Hier agierten frühe Zionisten aus der Bewegung der Chovevei Zion, an deren Spitze der Rabbiner D. Fridman stand. Ende des 19. Jahrhunderts entstand der Bund. Auch das Schulwesen blühte auf. Im Jahre 1853 wurden russische Schulen für Kaufleute gegründet, 1878 auch eine Schule mit Hebräischunterricht, 1888 außerdem eine jüdische Handwerksschule. Auch die Zweigniederlassung der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden in Russland (OPE) war aktiv.

Während des Ersten Weltkriegs verließen viele Juden die Stadt zusammen mit der sich zurückziehenden russischen Armee. Am 5. April 1919, in der ersten Phase des polnisch-sowjetischen Krieges, wurden 35 Juden von Soldaten des 34. Infanterie-Regiments des Polnischen Heeres unter dem Verdacht der Kollaboration mit den Bolschewiken erschossen. Diese Menschen wurden im Volkshaus in der Kupiecka Straße 72 bei einer jüdischen Versammlung verhaftet. An der Versammlung, bei der entweder Nahrung verteilt worden war oder die einen zionistischen Charakter hatte, nahmen 150 Juden teil. Dieses Ereignis löste Empörung im Ausland aus. Es kam soweit, dass eine amerikanische Regierungsdelegation nach Polen reiste und den sog. Morgenthau-Bericht veröffentlichte, in dem das sog. Massaker von Pińsk als Verbrechen bezeichnet wurde.

1921 zählte die jüdische Bevölkerung von Pińsk 17.513 Menschen - 74,6% der Gesamtbevölkerung. Auch jüdische politische Parteien und Vereine waren tätig, allen voran die Zionisten. Ein ausgebautes Schulnetz war in Betrieb: zwei Schulen von Poale Zion, in denen Jiddisch und Hebräisch unterrichtet wurde, zwei Tarbut-Vereinigungen sowie ein jüdisches Gymnasium mit Polnisch als Unterrichtssprache. In Pińsk wurden jüdische Zeitschriften herausgegeben, darunter die Tageszeitungen „Pinsker Sztyme“ (1927-1939), „Pinsker Bort“ (1931-1938) und „Pinsker Boch“ (1932-1937) sowie das Magazin „Poleser Najs“.

Am 20. September 1939 wurde Pińsk von den Sowjets eingenommen. Alle jüdischen Institutionen wurden geschlossen und die Anführer der Zionisten und des Bundes verhaftet. Viele Juden, darunter Flüchtlinge aus den von Deutschland besetzten Gebieten, wurden in die nördlichen Gebiete der Sowjetunion sowie ins östliche Kasachstan deportiert. Die sowjetischen Machthaber konnten nicht sofort alle jüdischen Schulen schließen, weswegen eine Sowjetisierungspolitik betrieben wurde. Anfangs wurde die hebräische Sprache abgeschafft. Unterrichtssprache war fortan nur Jiddisch. Lehrer wurden aus dem Innern der Sowjetunion gesendet. Weitere wurden in der in Pińsk gegründeten pädagogischen Schule ausgebildet.

Am Vortag des deutsch-sowjetischen Krieges zählte die jüdische Gemeinde in der Stadt bereits 22.000 Menschen. Als die Deutschen im Juli 1941 in die Stadt eindrangen, konnten nur wenige Juden gen Osten fliehen. Dafür kamen jüdische Flüchtlinge aus Ortschaften des heutigen westlichen Weißrusslands in die Stadt.

Anfang August 1941 begannen die Deutschen mit der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Die meisten Männer zwischen 16 und 60 Jahren wurden erschossen. Laut dem israelischen Historiker I. Arad wurden 4.500 Menschen ermordet. Den Angaben der Außergewöhnlichen Staatskommission über die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten und Verbrechen der Deutschen und ihrer Helfer betrug diese Zahl 8-10.000 (vom 5. bis 7. August 1941).

Für die Verbliebenen wurden zahlreiche Verbote und Anordnungen erhoben, u. a. die Pflicht, Symbole auf der Kleidung in Form von gelben Aufnähern auf der linken Brustseite, dem Rücken sowie an den Schultern zu tragen. Die Deutschen befahlen, einen Judenrat zu gründen, an dessen Spitze D. Alper, der ehemalige Direktor der Tarbut-Schule, stehen sollte, der diesen Posten jedoch nach nur wenigen Tagen ablehnte, woraufhin man ihn noch im August 1941 ermordete. Die jüdische Polizei wurde ins Leben gerufen. Anfangs bestand sie aus 15 Beamten, doch bis September 1942 stieg ihre Zahl auf 50.

Pińsk wurde Teil des Reichskommissariats Ukraine. Die 18.644 verbliebenen Juden wurden am 1. Mai 1942 in einem geschlossenen Viertel untergebracht. Es war das letzte in Weißrussland und der Ukraine eröffnete Ghetto. Die Juden wurden zu harter Arbeit in zahlreichen Betrieben gezwungen. Ende Januar 1942 gab es in der Stadt rund 9.056 Arbeiter, was 52% der jüdischen Bevölkerung ausmachte. Lebensmittel wurden gegen Marken getauscht, wenngleich die Menge unzureichend zum Überleben war. Im Ghetto war ein Krankenhaus tätig, in dem 62 Personen arbeiteten. Das Personal bemühte sich so gut es ging die Sterblichkeitsrate zu verringern und Epidemien vorzubeugen. Über die ganze Zeit hinweg wurden Juden aus den umliegenden Ortschaften und sogar aus dem Ausland in das Ghetto deportiert.

Im Juni 1942 wurden in Pińsk und Kobryń 3.500 Menschen verhaftet, nach Bronna Góra deportiert und dort erschossen.

Am 28. Oktober 1942 schritten deutsche Truppen, allen voran ein motorisiertes Bataillon der Ordnungspolizei, in das Ghetto ein, wo jedoch bewaffneter Widerstand geleistet wurde. Die meisten der Verteidiger wurden sofort von den deutschen und weißrussischen Polizeibeamten ermordet, wenngleich einigen die Flucht gelang. Im Bericht des Kommandanten der Ordnungspolizei wurden 26.000 Opfer genannt. I. Arad spricht hingegen von 17.000 Juden, die während der Liquidation des Ghettos in Pińsk ermordet wurden.

Nach dem Ende des Kriegs kehrte ein Teil der Juden, die geflüchtet waren oder sich den Partisanen angeschlossen hatten, nach Pińsk zurück. Die Behörden verweigerten ihnen jedoch die Eröffnung einer Synagoge. Im Jahre 1966 wurde das letzte Gebetshaus geschlossen. Vier Jahre später lebten nur noch 1.500 Juden in Pińsk. Bis 1990 wanderten fast alle von ihnen nach Israel, in die USA, Deutschland oder Kanada aus. Im Jahre 1999 lebten in Pińsk 317 Juden.

 

Quellen:

Pinsk, [in:] Eliektronnaja Jewriejskaja Encikłopiedija [online] 28.09.2006, http://www.eleven.co.il/article/13221 [Zugriff: 11.10.2017].

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