Wann die ersten Juden in Pszczew (Betsche) erschienen, ist nicht bekannt. Die Stadt gehörte den Bischöfen von Poznań (Posen). Diese tolerierten die Juden, die dort lebten, nicht. Die Mehrheit der Historiker, die über die Region schreiben, sind der Meinung, dass die Ankunft der ersten Juden in Pszczew (Betsche) auf das Jahr 1793 fällt, dies war nach der Machtübernahme der Stadt durch Preußen. Aber Heppner und Herzberg meinen, dass Juden in Pszczew (Betsche) schon in der erste Hälfte des 18. Jahrhunderts lebten [1.1]. Die Encycloapedia of Jewish Life bringt auch vor, dass Juden dort in der Mitte des 18. Jahrhunderts wohnten [1.2]. Die Volkszählung von Juden im Jahre 1765 erwähnt nicht Pszczew (Betsche) als eine Stadt inmitteln der jüdischen Gemeinden in der Woiwodschaft Poznań (Posen). [1.3]. Das kann andeuten, dass das Provileg „de non tolerandis judeais” von 1793 galt.

Die Gemeinde, die sicherlich ab Anfang des 19. Jahrhunderts funktionierte, ist vor allem als Sitz der weit verzweigten Bande von Kriminellen bekannt. Wie Heppner und Herzberg schreiben, der vierte Teil der Bewohner von Pszczew (Betsche) lebte vom Diebstahl und Hehlerei. Hier gab es Werkstätten, die, wie ein Land lang und breit ist, in Dieben in diebische Werkzeuge versorgten. Auch hier wurden falsche Zeugen gewonnen. In die Verbrechen waren alle Staaten und Klassen verwickelt. Vertreter der Gemeinde, sowie Stadträte, waren die schlimmsten Diebe und Hehler. Aber es wäre falsch nur über die jüdische Verbrecher zu sprechen. Die Tatsache, dass es so häufig geschieht, soll man dem zuschrieben, dass diebische und kriminelle Bruderschaften häufig in ihrem Jargon Ausdrücke aus dem Hebräischen und einer Mischung von Deutsch mit Jiddisch verwendeten [1.4]. 1832 stieß die Polizei auf die Spur der Bande von Dieben und Hehler. Die Spuren aus den durchgeführten Ermittlungen wegen mehreren Einbrüchen in Berlin, führten direkt zu Pszczew (Betsche). In Zusammenarbeit mit den Bürgern aus Międzyrzecz (Meseritz) wurde eine Razzia organisiert und das Diebesnest zerstört. Den Mitgliedern der Verwaltung wurden die Posten entzogen, sie wurden verhaftet und durch eine Alternative ersetzt. Seitdem hat sich die Situation verbessert.

Pszczew (Betsche) war nicht das einzige diebische Nest in der Provinz Poznań (Posen). Einen schlechten Ruhm hatte auch Trzemeszno Lubuskie (Schermeisel) [1.5]. Nach der Aktion im Jahre 1832 wurden diebische Banden in Brójce (Brätz), Zbąszyń (Bentschen), Bledzew (Blesen), Trzciel (Tirschtiegel), Wolsztyn (Wollstein), Skwierzyna (Schwerin an der Warte), Kargowa (Unruhstadt) und in den anderen Orten entdeckt und liquidiert.

Das diebische Treiben wurde von dem Berliner Polizisten Thiele in seiner Arbeit unter dem Titel „Die jüdischen Gauner in Deutschland” [1.6] beschrieben und bietet einen interessanten Einblick in die kriminelle Seite des Lebens der Juden des westlichen Großpolens. Diese Ereignisse wurden im Dritten Reich für die antisemitische Propaganda verwendet, einschließlich in der Arbeit „Die Juden von Betsche" [1.7].

Im Jahr 1854 wurde eine kleine Synagoge in Pszczew (Betsche) gebaut, die bis heute existiert [1.8]. In der Geldsammlung für diesen Zweck wurden die Juden aus Pszczew (Betsche) von den umliegenden Gemeinden unterstützt. [1.9]. Zudem hatten die ortsansässigen Juden ihren eigenen Friedhof [1.10]. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde ein deutlicher Rückgang der Zahl der Juden in der Stadt markiert. Sie wanderten in die Welt und in die wichtigsten deutschen Städten aus, vor allem nach Berlin. Diejenigen, die blieben, führten Geschäfte und Tavernen, wie die Treitel-Familie [siehe Erinnerungen]. Ihr Einfamilienhaus ist heute Sitz einer Bank in Pszczew (Betsch).

Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Gemeinde keinen Rabbiner mehr. Die religiösen Dienste gab ein Priester aus Skwierzyn (Schwerin an der Warthe). 1935 fand in der Synagoge die letzte große Zeremonie statt. Es war eine Bar Mizwa von Leonard Deutschkron, der heute in Israel lebt. Am 19. Mai 1938 hat das Verfahren der Liquidierung der jüdischen Gemeinde in Pszczew (Betsche) begonnen. Lokale Behörden meinten, dass dessen Ursache die zu kleine Anzahl der Mitglieder und die ständigen Probleme mit der Erstellung eines dem damaligen Rechts entsprechenden Vorstandes, waren. [1.11]. [siehe Abbildung Nr. 2]

Am Ende der 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts wohnten in Pszczew (Betsche) nur wenige jüdische Familien (ca. 15 Personen). Vielleicht ist das der Grund, warum die Synagoge während der Reichskristallnacht unversehrt blieb, während einige jüdische Geschäfte zerstört wurden [1.1.10]. Der Encycloapedia of Jewish Life zufolge wurden Juden aus Pszczew (Betsche) im März 1940 in das Lager Bürgergarten neben Piła (Schneidemühl) deportiert. Im Gegenzug sagen polnische Einheimische, dass die Juden aus Pszczew (Betsche) erst 1942 deportiert wurden und dass ihr Eigentum versteigert wurde. [1.12]. Bis heute leben noch zwei Juden aus Pszczew (Betsche): Jutka Rychwalska in Großbritannien und Leonard Deutschkron in Israel.

Im Jahre 1992 besuchte Pszczew (Betsche) Leonard Deutschkron. Er erlitt einen Schock, als er erfuhr, dass der Friedhof, wo seine Verwandten bestattet wurden, in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zerstört wurde. [1.13]. Die lokale Lehrerin Wanda Stróżczyńska beschloss mit der Gesellschaft der Freunde von Pszczew (Betsche) zumindest teilweise die Situation wiedergutzumachen. Auf dem Plazt, wo sich der Friedhof befand, wurde ein Gedenkstein mit einem Davidstern und der Inschrift "Jüdischer Friedhof 1730 – 1939" platziert. Auch ein Grabmal wurde gefunden. [siehe Abbildungen Nr. 3 und 4]. Zu der Zeremonie der Enthüllung des Steins, die am 28. Oktober 1995 stattfand, kam L. Deutschkron. In seiner Rede dankte er der Stadtverwaltung von Pszczew (Betsche) und Wanda Stróżczyńska für das Gedenken des Friedhofs. Auf Initiative von Frau Stróżczyńska entstand auch eine kleine Ausstellung über die Juden von Pszczew (Betsche), die sich in dem örtlichen Museum befindet.

 

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Fußnoten
  • [1.1] Heppner A., Herzberg J.: Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Bydgoszcz (Bromberg), 1909, S. 301.
  • [1.2] The Encycloapedia of Jewish Life, New York, 2001, S. 134.
  • [1.3] Anzahl der Juden im Königreich Polen im Jahre 1765 (Liczba głów żydowskich w Koronie z taryf roku 1765), Kraków (Krakau), 1898, S. 6.
  • [1.4] Heppner, Herzberg, S.302.
  • [1.5] Trzemeszno (Schermeisel) liegt auf der Route von Pszczew (Betsche) nach Berlin und war ein wichtiger Ansprechpartner in dem diebischen Verfahren. In der Alltagssprache gab es einen Spruch: "Er ist aus Trzemeszno (Schermeisel)", was darauf hindeutete, dass eine Person per Definition verdächtig ist. Mehr zu diesem Thema: Thiele, A. F.: Die jüdischen Gauner in Deutschland, Berlin, 1848.
  • [1.6] Thiele, A. F.: Die jüdischen Gauner in Deutschland, Berlin, 1848.
  • [1.7] Dr. Duckart: Die Juden von Betsche. Ein Beitrag zum „Wirten“ der Juden im deutschen Osten, Międzyrzecz (Meseritz), 1939.
  • [1.8] Die Kontroverse über das Entstehungsdatum werden in einem weiteren Kapitel diskutiert [siehe Synagoge]
  • [1.9] Heppner, Herzberg, S. 302.
  • [1.10] Alicke, Klaus-Dieter: Betsche, [in:] Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Bd. 1, Gütersloh 2008, S.461.
  • [1.11] Schreiben Nr. 412/38 von dem Bürgermeister von Pszczew (Betsche) zu Landrat in Międzyrzecz (Meseritz), vom 19. Mai 1938. (Kopie in der Sammlung des Museums in Pszczew (Betsche))
  • [1.1.10] Alicke, Klaus-Dieter: Betsche, [in:] Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Bd. 1, Gütersloh 2008, S.461.
  • [1.12] Interview mit Wanda Stróżczyńska, Einwohnerin von Pszczew (Betsche)
  • [1.13] Stróżczyńska, W.: Dawno temu w Pszczewie, Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe), 2004, S. 68