Posener Juni

Ab dem Frühling 1956 forderte die Belegschaft des größten Industriebetriebs in Poznań [Posen], der Stalin-Werke (früher und später Cegielski-Werke), die Rückerstattung der falsch berechneten Steuern und eine Senkung der Arbeitsnormen. Am 26. Juni 1956 fuhr eine Arbeiterdelegation nach Warszawa [Warschau], um mit einem Minister über dieses Thema zu sprechen. Am 28. Juni rief die Belegschaft der Stalin-Werke einen Streik aus und ging auf die Straße. Dem Umzug schlossen sich Arbeiter anderer Fabriken an. Einige zehntausend Menschen marschierten zum Gebäude des städtischen Nationalrates und des Woiwodschaftkomitees der PZPR am Stalinplatz (heute Mickiewicz-Platz). Man forderte die Anreise des Ersten Sekretärs der PZPR, Edward Ochab oder des Ministerpräsidenten Cyrankiewicz, und sang patriotische und religiöse Lieder. Als sich das Gerücht verbreitete, dass die Delegierten in der Hauptstadt verhaftet worden waren, drang die Menge in die Gebäude ein. Ein Teil der Demonstranten nahm das Gefängnis in der Młyńskastraße ein. Sie befreiten die Gefangenen und entwaffneten die Aufseher. Man eroberte auch das Gebäude des Woiwodschaftgerichts, und vernichtete Akten und die Störsender, die gegen Radios gerichtet waren. Anschließend gelangten die Demonstranten zum Gebäude des Woiwodschaftsamtes für Sicherheit. Dort fielen die ersten Schüsse, ein Junge, Romek Strzałkowski, wurde ermordet. Es kam zu Kämpfen. Die nach Poznań entsendete Kompanie wurde entwaffnet. Um ca. 14 Uhr marschierten zwei weitere Divisionen in die Stadt ein. Innerhalb von ca. 3 Stunden wurden die Proteste niedergeschlagen, obwohl einzelne Kämpfe bis in die Nacht andauerten. Mindestens 74 Menschen kamen ums Leben, einige hundert wurden verwundet und etwa 700 verhaftet. Am nächsten Tag teilte die Presse mit, dass Agenten des Feindes die Straßenunruhen in Poznań provoziert hätten. Während der Prozesse bekannte sich niemand zur Arbeit im Geheimdienst. Die Posener Ereignisse waren ein Schock nicht nur für die Gesellschaft, die immer deutlicher Änderungen im stalinistischen System forderte, sondern auch für die Behörden, die bemerkten, dass es nötig sei bestimmte Stellen neu zu besetzen.

Der Eintrag entstand im Rahmen des Projekts Zapisywanie świata żydowskiego w Polsce [Aufzeichnung der jüdischen Welt in Polen]. Autorin des Projektes ist Anka Grupińska, bekannte polnische Journalistin und Schriftstellerin, die sich in der Neuesten Geschichte der Polnischen Juden spezialisiert. Dieses Projekt, das 2006 vom Museum für die Geschichte der Polnischen Juden initiiert wurde, beruht auf der Aufzeichnung von Gesprächen mit polnischen Juden aller Generationen.

Die Übersetzung dieses Textes wurde ermöglicht dank der freundlichen Unterstützung der:

Konrad Adenauer Stiftung Polska

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