Polnische Nationale Aufstände

Zur Zeit des Kościuszko-Aufstandes und des Krieges mit Russland im Jahre 1794 unterstützte ein Teil der Juden den Aufstand, indem sie an den Kämpfen teilnahmen und in Hilfsformationen dienten. Bei der Verteidigung von Warszawa [Warschau] im April 1794 kämpfte eine Freiwilligeneinheit der jüdischen Miliz und Vertreter der jüdischen unterbürgerlichen Schichten mit. Nach der Verdrängung der Armee des Zaren organisierte man ein Regiment unter dem Kommando von Berk Joselewicz, das an der Verteidigung des Stadtteils Praga teilnahm (14. November 1794). Juden wurden zu Hilfs- und Befestigungsarbeiten einberufen, sie leisteten auch andere Dienste. Während des Novemberaufstands nahmen keine gesonderten jüdischen Truppen an den Frontkämpfen teil, aber es gab in fast jedem Regiment einige Juden. Zahlreicher war der Anteil an Juden in den Hilfstruppen. 409 junge Juden, die aus dem Milieu der Assimilationsanhänger stammten, dienten in Warszawa in der Nationalgarde (ca. 6,5 % aller Gardisten). Mehr als zehn Studenten waren Mitglieder der Akademieehrengarde. Im Februar berief man eine jüdische Stadtwache ein, deren Mitglieder 1038 Personen aus traditionell wohlhabenden Schichten waren. Ärmere Personen dienten in der Sicherheitswache, die sich vor allem mit dem Aufschütten von Schanzen beschäftigte. Im sanitären Militärdienst gab es 43 jüdische Ärzte, Chirurgen und Arzthelfer (4,3% der Gesamtstärke), drei von ihnen erhielten den Orden Virtuti Militari. Überdies lieferte die jüdische Bevölkerung Waffen, Ausrüstung, Uniformrn und Geld an die kämpfenden Truppen. 1846 nahmen infolge der Anwerbung von Freiwilligen ca. 500 Juden am Krakauer Aufstand teil. Dieser Umstand war eine Antwort auf den Aufruf der Regierung vom 23. Februar, der die jüdische Bevölkerung zur Beteiligung am Aufstand aufforderte und der ihr die vollkommene Gleichberechtigung zusicherte. Während der Revolution von 1848/49 unterstützte ein Teil der assimilierten jüdischen intellektuellen Elite in der Woiwodschaft Posen polnische Unabhängigkeitsbestrebungen, indem sie sich aktiv für politische und soziale Reformen einsetzten. Die Mehrheit der Juden stand dieser Idee jedoch gleichgültig gegenüber. In Galizien gehörten Juden zu einer Gruppe von Volksvertretern, die vom Kaiser demokratische Rechte und eine religiöse Gleichberechtigung verlangten. Sie unterstützten außerdem die Nationalgarde in finanzieller Hinsicht, die sich in verschiedenen Städten formierte. Damals traten auch einige Vertreter der jüdischen Gemeinde in den Landessejm von Galizien ein. Im Königreich Polen traten vor dem Januaraufstand fortschrittsorientierte Gruppen von Juden, vor allem Jugendliche, in geheime Arbeitszirkel ein und nahmen an patriotischen Kundgebungen teil (M. Landy). Es kam zu dieser Zeit zu zahlreichen Ausdrücken der Zusammenarbeit zwischen dem polnischen und jüdischen Klerus (B. Meisels, I. Kramsztyk, M. Jastrow). Um die Unterstützung dieser Gruppe zu gewinnen erließ die Aufstandsregierung am 22. Juni 1863 einen Aufruf, in welchem sie die Gleichberechtigung der Juden nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit ankündigte. Eine größere Gruppe aus den Reihen der jungen assimilierten intellektuellen Elite unterstützte den Aufstand aktiv mit. Seit dieser Zeit gehörte H. Wohl der Nationalregierung an und hatte die Stelle des Finanzverwalters des Staates inne. Während der Traugutt-Diktatur war W. Epstein, Sohn eines bekannten Bankiers, ein Mitglied der Regierung. L. Kronenberg  wurde zum Regierungsfinanzberater ernannt. A. Rosmanit verfasste die „Nachrichten vom Schlachtfeld“. H. Merzbach und I. Goldman arbeiteten mit ihm zusammen. In der Provinz kämpften Juden in Regimentern der Aufständischen und in der nationalen Militärpolizei. Sie fungierten als Kundschafter und lieferten Nahrung und Ausrüstung. Die Mehrheit jedoch, vor allem orthodoxe Juden und Chassiden blieb dem Aufstand gegenüber, ähnlich wie die polnischen Bauern,gleichgültig eingestellt . Es wird geschätzt, dass am Januaraufstand ca. 1-2000 Juden teilnahmen, von denen ca. 400 umkamen (F. Kahane, L. Kahane) und einige Hundert ins Innere des Zarenreiches verbannt wurden. Die Entstehung der modernen politischen Parteien um die Jahrhundertwende änderte die Formen der Unabhängigkeitskämpfe. Es gab linksorientierte Strömungen, die vor allem nach sozialen Veränderungen strebten. Juden beteiligten sich am polnischen Politikleben, sie bildeten auch eigene Parteien. Bedeutsam war ihre Beteiligung an der Revolution 1905, sowohl in den Reihen der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS), als auch in der mit ihr zusammenarbeitenden Partei „Bund“. Polnische und jüdische Arbeiter kämpften zusammen in Łódź [Lodsch] und Warszawa. Unter den Freiwilligen, die in die Polnische Legionen von J. Piłsudski eintraten fanden sich ca. 10% der jüdischen Intellektuellen. In der Zwischenkriegszeit wurden Juden mit den gleichen Rechten und Pflichten wie andere Bürger auch zum Militär einberufen, es war für sie jedoch schwierig zum Offizier befördert zu werden (außer den zum Militär einberufenen Ärzten). Unter den Opfern in Katyń und Miednoje waren über 10% Juden, vor allem Ärzte. Viele jüdische Wehrpflichtige kämpften im Septemberfeldzug, und später in der Andersarmee oder dienten in anderen Formationen im Westen. In den Reihen der ersten Kościuszko-Infanteriedivision in Warszawa kämpften ca. 3000 Juden, darunter einige hundert Offiziere. Als der Warschauer Aufstand am 1. August 1944 ausbrach, zeigte sich, dass sich viele Juden auf der „arischen Seite“ oder in den Ghettotrümmern versteckt gehalten hatten. Viele von ihnen kamen zusammen mit der Warschauer Zivilbevölkerung um. Am Aufstand nahmen auch zuvor gerettete Mitglieder der Jüdischen Kampforganisation teil, deren Kommandant I. Cukierman am 3. August einen Aufruf erließ, der zum gemeinsamen Kampf auf polnischer Seite aufforderte. In der Praxis beteiligten sich nur wenige Juden unmittelbar an den Kämpfen, weil die größte bewaffnete Organisation, die Heimatarmee, sie nur ungern in ihre Reihen aufnahm, was sie gewöhnlich mit einem Mangel an Waffen begründete. Es gab Fälle in denen Juden, die sich bei der AK meldeten, festgenommen wurden. Manche Freiwilligen wurden zu Hilfsarbeiten geschickt, nahmen am Barrikadenbau, Graben von Gängen usw. teil. Juden wurden eher von der Volksarmee aufgenommen, sie war jedoch nur von geringer militärischer Bedeutung. Kämpfer der Jüdischen Kampforganisation unter dem Kommando von Cukierman (20 Personen) wurden zu Mitgliedern der Volksarmee, die in der Altstadt kämpfte, und deren Einheit zerschlagen wurde und anschließend ihren Kampf in Żoliborz fortsetzte. Schon in den ersten Tagen des Aufstands befreite man 100 ungarischen Juden aus dem Gefängnis in der Niska-Straße. Am 5. August wurde ein Zwangsarbeitslager (sog. Gęsiówka) befreit, das auf Befehl von H. Himmler in den Ghettotrümmern in der Gęsia-Straße entstanden war. Unter den Gefangenen gab es 348 Juden unterschiedlicher Nationalität. Die Mehrheit der Befreiten nahm als Ersatzeinheit der Volksarmee an den Kämpfen in der Altstadt und später in Żoliborz teil. Nach Schätzungen der Historiker beteiligten sich ca. 1000 Juden am Warschauer Aufstand.

Hanna Węgrzynek,
Alina Cała
Gabriela Zalewska

Der Text stammt vom Portal Diapozytyw, früher Eigentum des Adam-Mickiewicz-Instituts.
Der nebenstehende Text stammt aus dem Buch „Historia i kultura Żydów polskich. Słownik“ („Die Geschichte und Kultur der Polnischen Juden. Glossar.“), dessen Autoren Alina Cała, Hanna Węgrzynek und Gabriela Zalewska sind. Das Buch wurde beim Verlag WSiP herausgegeben.

Die Übersetzung dieses Textes wurde ermöglicht dank der freundlichen Unterstützung der:

Konrad Adenauer Stiftung Polska

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