Jüdischer Sejm, „Vaad Arba Arcot“

[hebr. Der Rat der vier Länder]

Die zentrale Einrichtung der jüdischen Selbstverwaltung, die die Interessen aller Gemeinden auf dem Gebiet der Rzeczpospolita vertrat. Der jüdische Sejm war die höchste Autorität in rechtlichen und gerichtlichen Angelegenheiten. Er regulierte sämtliche Aspekte des jüdischen Gemeindelebens. Seit 1623 gab es zwei jüdische Ausschüsse dieser Art: den „Vaad Arba Arcot“, der alle Kronländer umfasste, und den „Vaad Medinat Lita“ [dt. Litauischer Judenrat], der den litauischen Juden diente. Die Ursprünge des jüdischen Sejms sind mit dem Streben des Staates nach einer Zentralisierung der jüdischen Gemeinden verbunden, die die Steuererhebung vereinfachen sollte, vor allem als die Zahl der Gemeinden im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert stetig zunahm. Ein Ausdruck dieser Politik der polnischen Könige war die Gründung des Amtes des Generalrabbiners für die einzelnen Länder (1503). Im Jahre 1512 ernannte Sigismund I. zwei allgemeine jüdische Zöllner. Ein paar Jahre später wurde ein Generalsteuereintreiber in Litauen eingesetzt. Gegen die Einrichtung des Amtes des Generalsteuereintreibers und dem zentralen Steuererhebungssystem traten die meisten Gemeinden auf, die sich mit der Zahlung der fälligen Abgaben zurückhielten, was zur Auflösung dieses Amtes führte. Damals entstanden Gemeinschaften (poln.: ziemstwa), die die einzelnen Länder vertraten. Die größten Gemeinden waren in der Regel nicht Teil von ihnen. Die Gemeinschaften befassten sich hauptsächlich mit Steuerangelegenheiten, einigten sich aber auch auf andere Fragen, wie die Erlangung neuer Privilegien und Rechte. Eine Manifestation des Ausbaus der jüdischen Autonomie und der wachsenden Bedeutung der Treffen der Gemeinschaften waren ein Grund dafür, dass diese von Sigismund August II. das Wahlrecht der Generalrabbiner zugesprochen bekamen. Ursprünglich gab es vier Gemeinschaften, im Jahre 1551 waren es schon fünf. Später kamen weitere dazu und ihre Vertreter trafen sich nur noch sporadisch. Diese Treffen entwickelten sich zu Ereignissen, die in regelmäßigen Zeitabständen stattfanden. Dies hat zur Schaffung des jüdischen Sejm, der Vertretung der Gemeinschaften aus den vier Ländern Groß- und Kleinpolens, der Rus und Litauen geführt. Als das Datum seiner Gründung gilt das Jahr 1581, als die Vertreter der Juden aus allen Ländern zum ersten Mal die jüdische Kopfsteuer in Form einer Pauschalsumme an die Schatzkammer zu zahlen versprachen. Für Debatten schickte der jüdische Sejm seine Delegierten aus den Gemeinden und aus größeren Gemeinden, die nicht ofizieller Bestandteil der Gemeinden waren. Die Sitzungen leitete ein Vorsitzender, der meistens aus den Reihen der Gemeindeältesten gewählt wurde. Mit zwei weiteren Funktionen in Bezug auf den Sejm, denen des Kassenwarts und des Generalschreibers, beauftragte man meistens einen Rabbiner. Zu dem Ort, an dem die Sitzungen abgehalten wurden, wurde Lublin gewählt, wo berühmte Jahrmärkte stattfanden, zu denen Händler aus der gesamten Rzeczpospolita kamen. Später fanden sie auch in anderen Städten, wie Jarosław und Łęczna, statt. Nach Lublin wurden sogenannte "Jahrmarkt"- Richter geschickt,  die über Handelsstreitigkeiten urteilten. Auf diese Weise entstand neben dem jüdischen Sejm das Gerichtstribunal. Die Schaffung des jüdischen Sejm beschließt die Periode der Bildung der Regierung der polnischen Juden. Die Existenz einer Vertretung der gesamten jüdischen Bevölkerung schränkte die Möglichkeit einer Einmischung durch den König und seine Beamten in die inneren Angelegenheiten der Gemeinden in hohem Maße ein. Der Jüdische Sejm war bis 1764 tätig. Er wurde durch den polnischen Sejm mit der Begründung aufgelöst, dass dieser seiner Hauptaufgabe, nämlich der Erhebung von jüdischen Steuern, nicht in ausreichendem Maße nachkam.

Der Text stammt vom Portal Diapozytyw, früher Eigentum des Adam-Mickiewicz-Instituts.
Der nebenstehende Text stammt aus dem Buch „Historia i kultura Żydów polskich. Słownik“ („Die Geschichte und Kultur der Polnischen Juden. Glossar.“), dessen Autoren Alina Cała, Hanna Węgrzynek und Gabriela Zalewska sind. Das Buch wurde beim Verlag WSiP herausgegeben.

Die Übersetzung dieses Textes wurde ermöglicht dank der freundlichen Unterstützung der:

Konrad Adenauer Stiftung Polska

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