Judenrat

Die Verwaltungsform der Juden in Ghettos, die durch die Nazis im Jahre 1939 eingeführt wurde. Praktisch war die Macht des Judenrats auf die Durchführung der Anordnungen der Besatzer beschränkt. Als Vorsitzende der Judenräte wählten die Deutschen für gewöhnlich soziale Aktivisten der Vorkriegszeit aus, die ihrerseits andere von den Besatzern genehmigte Ratsmitglieder auswählten. Die Oberhoheit über den Judenrat wurde von den deutschen Verwaltungsbehörden ausgeübt und in größeren Städten funktionierten eigens gebildete Ämter. In Warszawa [Warschau] war dies beispielsweise das Amt des Kommissars der Jüdischen Viertel, das dem Gouverneur des Distrikts Warschau unterstand. In Łódź [Lodsch] und in einigen anderen Städten unterstanden den Bürgermeistern entsprechende Ämter, Ghettoverwaltungen genannt. Judenräte erhielten auch direkte Befehle von SS und Gestapo. Die grundlegenden Entscheidungen, die das Leben in den Ghettos regelten, wurden von den deutschen Behörden getroffen, und die Zuständigkeit des Judenrats beschränkte sich auf deren Ausführung und Verwaltungsangelegenheiten (Bevölkerungsverzeichniss; die Versorgung mit Lebensmitteln, Kohle und anderen Gütern; Steuern, das Bildungswesen, das religiöse Leben, Beerdigungen usw.) und das Sozial- und Gesundheitswesen. Darüber hinaus wurden die Judenräte verpflichtet, den Besatzern Arbeitskräfte zu stellen, die Deportationen von Menschen in die Arbeitslager zu organisieren, Zwangsabgaben einzuziehen und zu übergeben, Kostbarkeiten, Möbel und Pelze einzusammeln u. ä. Später wurden sie zur Zusammenarbeit bei der Organisation der Deportationen in die Vernichtungslager gezwungen. Den Judenräten unterstanden teilweise ein Ordnungsdienst sowie Polizeieinheiten innerhalb der Ghettomauern, die allerdings kein Recht auf den Besitz oder die Verwendung von Waffen hatten. Sie wurden bei Beschlagnahmungen, Razzien, der Begleitung von Umsiedlerzügen und Deportationen eingesetzt. Die Mehrheit der Vorstände der Judenräte versuchte, zwischen den Forderungen der Deutschen und der Verteidigung der in Ghettos gefangen gehaltenen Juden zu lavieren, im Vertrauen darauf, dass weitere Kompromisse die Errettung zumindest eines Teils der Bevölkerung ermöglichen würden. Die Haltungen der einzelnen Mitglieder der Judenräte waren jedoch unterschiedlich. Der Vorsitzende des Judenrats in Warszawa, A. Czerniaków, unterhielt Kontakte zu Mitgliedern der Untergrundbewegung, organisierte karitative Hilfe und unterstützte den zivilen Widerstand. Er war aber gegen das Konzept des bewaffneten Kampfes und als er gezwungen wurde, Vorbereitungen für die Deportation in die Vernichtungslager zu treffen, beging er Selbstmord. Ch. Rumkowski, der an der Spitze des Judenrats in Łódź stand, organisierte fast bis zum Ende die Abtransporte und versuchte, bestimmte Bevölkerungsgruppen zu schützen. Einige Aktivisten der Judenräte nutzten ihre Positionen aus, um sich zu bereichern oder ihre eigenen Familien zu schützen.

Gabriela Zalewska

 

Der Text stammt vom Portal Diapozytyw, früher Eigentum des Adam-Mickiewicz-Instituts.
Der nebenstehende Text stammt aus dem Buch „Historia i kultura Żydów polskich. Słownik“ („Die Geschichte und Kultur der Polnischen Juden. Glossar.“), dessen Autoren Alina Cała, Hanna Węgrzynek und Gabriela Zalewska sind. Das Buch wurde beim Verlag WSiP herausgegeben.

Die Übersetzung dieses Textes wurde ermöglicht dank der freundlichen Unterstützung der:

Konrad Adenauer Stiftung Polska

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